Es gibt wenig, was sich mit einer ganztägigen Wanderung vergleichen lässt, bei der man alleine im Sommer auf verschneite Berge und über schmelzende Gletscher läuft. Diese einzigartige Erfahrung wurde von bestem Wetter begleitet. Am Anfang läuft man etwas aufmerksamer. Man lädt das Gewehr halb. Man achtet auf Geräusche und sieht sich ab und zu um. Man kann sich diesmal nicht darauf verlassen, dass andere den Eisbären sehen. Man muss ihn selbst sehen und zwar bevor es weh tut. Mit diesen Gedanken bin ich mit Gewehr morgens losgegangen und wusste nicht, dass die größte Schwierigkeit zum Ende des Tages auf mich im Tal warten würde, wenn meine Baracke schon wieder in Sichtweite liegt.
Mit Frohsinn im Kopf und Gebäck im Gepäck machte ich mich also auf zu meinem ersten Gipfel des Tages – Sarkophagen (Übersetzt, man mag es kaum glauben: Der Sarkophag).

Trollsteinen - 01 (im Hintergrund mein erster Gipfel)
Beim Überqueren des Schmelzwasserstroms, der vom Larsbreen (der Larsgletscher) ins Tal fließt, hatte ich das Glück, dass gerade eine Gruppe Touristen mit Guides denselben Fluss überqueren musste. Die Guides hatten eine Leiter dabei, die als Brücke diente.

Trollsteinen - 02
Sarkophagen diente als gute Aufwärmphase. Noch war nichts besonders an diesem Trip. Ich hatte noch nicht genug Zeit, die Einflüsse von außen wirken zu lassen. Vom Sarkophagen aus konnte ich meine Route bis hoch zum zweiten Gipfel meines Tages sehen – Trollsteinen (übersetzt, man mag es kaum glauben: Der Trollstein). Den Namen hat er bekommen, weil eine Gesteinssäule genau auf dem Gipfel steht, die noch nicht wegerodiert ist. Von weitem kann man die genaue Kontur der Säule nicht erkennen und so wurde die Säule zum Troll, der durch Tageslicht, wie in den Büchern von J. R. R. Tolkien, zu Stein erstarrt war. Ab hier gönnte ich mir, wegen der guten Übersicht über das Gelände, Musik. Und ab dem Zeitpunkt war es ein Hochgefühl, weswegen einige Titel hier genannt werden sollten (wen es nicht interessiert, einfach überlesen: Fleetwood Mac – Go Your Own Way, das Forrest Gump Theme, Jackson Browne – Running On Empty, The Weepies – World Spins Madly On, Philipp Poisel – Als Gäb’s Kein Morgen Mehr, The Shins – Phantom Limb, The Shins – New Slang, Damien Rice – Cannonball, Three Dog Night – Joy To The World; letzteres eigentlich nur wegen des Anfangs vom Lied).

Trollsteinen - 03 (ganz rechts im Bild ist der Gipfel)
Um die Hänge des Trollsteinen zu erreichen führte mein Weg über den Larsbreen, der, nach Auskunft der UniS Safety Instructor, keine Gletscherspalten hat. Der Weg über den Larsbreen entpuppte sich als das körperlich meistanstrengende meines bisherigen Aufenthaltes auf Svalbard. Bei jedem Schritt bis zum Knie einzusinken und manchmal das Bein dabei in eine Suppe aus Schmelzwasser und Eis zu halten ist eine Erfahrung, die man nicht häufig macht – vielleicht weil es einfach unangenehm ist.

Trollsteinen - 04
Nach dem Gletscher ging der restliche Aufstieg, auch wenn es noch ein ganzes Stück nach oben war, zu mindest gefühlt recht flott. Oben auf dem Gipfel angekommen hat Svalbard mit einer klaren Aussicht nur so vor sich hingeprotzt. Da wurde mir klar: Svalbard muss eine Angeber-Insel sein. Klare Diagnose: Minderwertigkeitskomplex. Nur weil Svalbard nicht annähernd so viel Beachtung zuteil kommt, wie anderen Inselgruppen. Mir war es recht so.

Trollsteinen - 05

Trollsteinen - 06

Trollsteinen - 07 (der Namengeber im Vordergrund)
Der Abstieg ging singend im Jogg-Tanz-Schritt sehr viel schneller als erwartet – einen Teil des Hanges konnte ich auf meiner GoreTex-Jacke auf meinem Hintern runterrutschen. Bis ich wieder zum Larsbreen kam hatte das Wasser in meinen Stiefeln schon längst Körpertemperatur angenommen, so dass die Gletscherüberquerung wieder ein nicht nur nasses, sondern auch kaltes Erlebnis war. Mir war es wurscht. Denn gute Laune hält warm. Ich habe mir sogar die Zeit genommen noch Zeichen in den Gletscherfirn zu laufen.

Trollsteinen - 08
Unten im Tal angekommen verzögerte sich meine Rückkehr um etwa eine Viertelstunde, weil es einfach keinen Weg zurück über den Fluss gab. Die Touristengruppe war natürlich nicht wieder zur Stelle und die kopfgroßen Steine, die der Strom im Bett bewegte als wären es Kiesel hätten genug Kraft gehabt einen Knöchel stark zu verletzen, wenn nicht sogar zu brechen. Nach längerer Suche fand ich eine Stelle, wo ich die Möglichkeit sah ohne anschließenden Arztbesuch den Fluss zu überqueren. Vorher habe ich noch die elektronischen Geräte wie Kamera und Handy tief in den Rucksack gepackt und das Gewehr entladen – man weiß ja nie. Kurz und schmerzlos: Ich möchte das Wort Gazelle vermeiden, weil ich doch ein bisschen nass wurde, aber als ich nach hause kam hatte ich das Gefühl die Dusche verdient zu haben.

Trollsteinen - 09
Glück gleicht durch Höhe aus, was ihm an Länge fehlt.